Die verlorene Stille des Sommers


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Früher klang der Sommer nach Grillenzirpen, dem entfernten Summen einer Biene und dem gelegentlichen Sprung eines Kindes ins Freibad. Heute klingt er anders. Er klingt nach Baustellenlärm und Laubbläsern um sieben Uhr morgens, nach Bluetooth-Lautsprechern am Seeufer, nach Motorrädern, die ihre Existenz durch die gesamte Region brüllen, und nach Menschen, die offenbar überzeugt sind, dass ihre Musik ein öffentliches Gut sei. Der Sommer ist laut geworden. Kaum steigen die Temperaturen über zwanzig Grad, öffnen sich nicht nur Fenster und Terrassentüren, sondern auch die akustischen Schleusen. Aus Gärten dringen Partysounds, aus Cabrios Basslinien, aus Baustellen das unermüdliche Kreischen von Maschinen. Die warme Jahreszeit scheint eine Einladung zu sein, jede Form von Stille in die Ferien zu schicken. Vielleicht liegt es daran, dass der Sommer immer auch eine Jahreszeit der Freiheit ist. Man lebt draussen, trifft sich spontan, feiert länger und schläft weniger. Das Leben verlagert sich auf Strassen, Plätze und Balkone. Was im Winter hinter Wänden verschwindet, wird im Sommer öffentlich hörbar. Die Geräusche sind also nicht neu – sie haben nur mehr Raum.

    Ich tue mich mit dieser Geräuschkulisse und der sommerlichen Unruhe sehr schwer. Oft sehe ich keine andere Möglichkeit, der Hitze, dem Lärm und der allgemeinen Hektik des Sommers zu entkommen, als mich in meiner kühlen Minergie-Wohnung zurückzuziehen und dort bei klassischer Musik im Halbdunkel Zuflucht zu suchen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ein angenehm temperiertes Museum zu besuchen, dessen Ausstellung abseits des Mainstreams liegt. Dort gelingt es mir meist auch, schwitzenden und gesprächigen Menschen weitgehend aus dem Weg zu gehen. Je älter ich werde, desto weniger ertrage ich Lärm und Hitze. Der Sommer, der für viele Menschen die schönste Zeit des Jahres ist, wird für mich zunehmend zu einer Herausforderung. Während andere das Leben im Freien suchen, sehne ich mich nach kühlen Räumen, gedämpftem Licht und Momenten der Stille. Wo früher Lebendigkeit war, nehme ich heute oft nur noch Überreizung wahr. Vielleicht liegt darin aber auch ein Gewinn: Mit den Jahren lernt man genauer zu erkennen, was einem guttut – und ebenso, was man nicht mehr bereit ist, widerspruchslos zu ertragen.

    Ruhe ist kein Luxus. Sie ist eine Ressource. Eine seltene sogar. In einer Zeit permanenter Erreichbarkeit, blinkender Bildschirme und endloser Benachrichtigungen wird Stille fast zu einem rebellischen Akt. Wer schweigt, fällt auf. Wer nichts beschallt, wirkt beinahe verdächtig. Vielleicht erklärt das auch die Sehnsucht vieler Menschen nach abgelegenen Berghütten, einsamen Waldwegen oder Orten, an denen man tatsächlich noch hören kann, wie der Wind durch die Bäume fährt. Nicht weil dort nichts ist, sondern weil dort etwas fehlt: der Dauerkommentar der modernen Welt. Denn der Mensch ist offenbar nicht dafür gemacht, ununterbrochen erreichbar zu sein. Die Seele hat ihr eigenes Tempo. Gedanken brauchen Umwege. Gefühle brauchen Stille. Erkenntnisse entstehen selten im hektischen Wechsel zwischen fünf Apps und drei Gesprächen gleichzeitig. Für mich jedenfalls gilt dies. Und meines Erachtens ist damit auch diese merkwürdige Erschöpfung unserer Zeit zu erklären. Sogar die Ruhe steht unter Leistungsdruck. Denn gerade aus den stillen Momenten entstand früher etwas – ein Gedanke, eine Idee, eine Erinnerung, manchmal sogar eine Lebensentscheidung. Heute wird jede Leere sofort gefüllt. Im Zug. Im Wartezimmer. An der roten Ampel. Das Smartphone hat aus Zwischenräumen Nutzflächen gemacht. Vielleicht verlieren wir dadurch etwas, das sich nicht ersetzen lässt: die Begegnung mit uns selbst.

    Vielleicht wäre es deshalb gar keine schlechte Idee, dem Sommer gelegentlich die Lautstärke zu nehmen. Nicht ganz. Nur ein wenig. Damit man wieder hören kann, was diese Jahreszeit eigentlich zu erzählen hat.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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